Atmen ist Leben

(chronische) Atemwegserkrankungen bei Kindern
Atemwegserkrankungen bei Kindern

Dass Kinder ständig alles Mögliche aufschnappen und die kleinen „Rotznasen“ oft erkältet sind, ist normal. Bis zu zwölf leichtere Infekte pro Jahr gelten bis zum Schuleintritt als unbedenklich. Hält ein Husten aber mehrere Wochen an, führt er zum Erbrechen, kommt es zu Atemnot oder seltsamen Geräuschen beim Atmen, dann kommt die Kinder-Pneumologie ins Spiel. Der Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Dr. habil. Michael Kandler ist Oberarzt am Klinikum Nürnberg und behandelt dort Kinder mit Atemwegs- und Lungenerkrankungen.

Kommt es einem nur so vor, oder nehmen Atemwegserkrankungen seit Corona wirklich zu?
Seit der Corona-Pandemie sind wir alle sensibler geworden, wenn es um Atemwegserkrankungen geht. Dennoch treten auch andere Infektionen wieder häufiger auf, beispielsweise Influenzaviren, die teils krankenhauspflichtige Lungenentzündungen verursachen. Was wir aus den vergangenen Jahren auf jeden Fall mitnehmen sollten, ist, dass unser eigenes Verhalten eine entscheidende Rolle spielt, und zwar sowohl, um uns selbst zu schützen, als auch, um andere nicht anzustecken. 

Jedes zwölfte Kind weltweit leidet an Asthma. Wie gut lässt sich diese chronische Entzündung der Atemwege heute behandeln, und was können Familien dazu beitragen? 
Die Neigung, an Asthma zu erkranken, ist genetisch bedingt. Wie stark die Krankheit allerdings ausgeprägt ist, hängt vor allem von der Umgebung ab. Zu den schützenden Faktoren gehören das Stillen und eine Ernährung mit möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln. Kinder sollten außerdem möglichst viel Kontakt zur Natur haben. Ein Aufwachsen in einer sterilen Wohnung mit konstanter Raumtemperatur gilt als ungünstig, während Matsch, Pflanzen und Tiere das Immunsystem positiv fordern. In städtischen Umgebungen ist es allerdings oft eine Herausforderung, diese Natürlichkeit im Alltag zu bewahren. Wichtig ist auch, sich vor vermeidbaren Infektionen zu schützen, zum Beispiel durch Impfen. 

Hat sich die Behandlung von Asthma in den letzten Jahren verändert? 
Ein großer Fortschritt sind Leitlinien, die Ärzten klare Orientierung geben, wie Diagnose und Therapie altersgerecht erfolgen sollten. Ziel jeder Behandlung ist es, betroffenen Kindern ein beschwerdefreies Leben zu ermöglichen, mit uneingeschränkter Teilnahme an Spiel, Sport und Alltag. Ein wichtiger Baustein sind hier gezielte Schulungen, die Familien ermöglichen, eine beginnende Verschlechterung selbst zu erkennen und die Behandlung eigenständig anzupassen. 

Wie kann man Kindern mit chronischen Atemwegserkrankungen den Alltag erleichtern?
An erster Stelle sollte das ernsthafte Interesse der Ärzte für die Symptome des Kindes stehen. Es muss eine „Arbeitsdiagnose“ gestellt werden, um Kindern und ihren Familien eine sinnvolle Therapie anbieten zu können. Erst wenn die Symptome wie Atemnot beim Rennen oder allnächtlicher Husten behandelt sind, ist das Kind wieder frei. Als einschränkend empfinde ich ärztliche Aussagen ohne Diagnose wie „Das verwächst sich“, obwohl die Eltern Nacht für Nacht besorgt am Bett des Kindes stehen, oder auch die unreflektierte Verordnung von Hustensäften mit und ohne Wirkstoff. 

Sind solche chronischen Erkrankungen nicht auch eine seelische Belastung für Kinder? 
Ja, jede Erkrankung ist eine Belastung für Kind und Familie. Gerade wegen der seelischen Belastung ist die ordentliche, leitliniengerechte und an das Kind angepasste Behandlung so wichtig. Dazu gehören eine verständliche Aufklärung und die Beantwortung aller Fragen der Familie. 

Was sind die häufigsten Fehlinformationen, die Sie im Gespräch mit Eltern rund um Atemwegserkrankungen erleben? 
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass Eltern selbst etwas „verursacht“ haben. Ein weiteres häufiges Problem ist die Verordnung von frei verkäuflichen Hustensäften, die hier keine ausreichende Wirkung haben. Auch die Anwendung von Cortisonsprays wird mitunter missverstanden. Diese Medikamente wirken erst nach einiger Zeit und sind keine Notfallmittel. Manchmal kommt es außerdem vor, dass Inhalationsgeräte ausgehändigt werden, deren Handhabung nicht geübt wurde. Doch nur, wenn das Gerät richtig eingesetzt wird, kommt die Behandlung wirklich da an, wo sie wirken soll. 

Wenn Sie eine Botschaft an Eltern richten könnten – welche wäre das? 
Beschreiben Sie Ihrem Arzt die Symptome, die Sie sorgfältig beobachtet haben: Wann ist was aufgetreten? Geräusche beim Ein- oder Ausatmen? Blaue Lippen? Oder anderes? Und befolgen Sie dann den Rat Ihres Arztes. Prüfen Sie, ob die Maßnahmen umsetzbar waren und geholfen haben, und halten Sie dann noch einmal Rücksprache. 

Gibt es aktuelle Forschungsergebnisse oder neue Therapieansätze, die Sie besonders spannend finden? 
Kinder mit Mukoviszidose werden dank verbessertem Neugeborenen-Screening heute meist früh erkannt. Auch die Bildgebung ist durch den Einsatz von Ultraschall und MRT deutlich schonender geworden, und sogar die Lungenfunktionsmessung ist mittlerweile so kindgerecht, dass selbst bei unter Dreijährigen verlässliche Werte möglich sind. Spannend ist auch die Messung von ausgeatmetem Stickstoffmonoxid. Sie zeigt, wie aktiv Entzündungsprozesse in den Atemwegen sind, und liefert wichtige Hinweise auf die Stärke der asthmatischen Entzündung. Ein eigenes Problem ist die angeborene Störung der Flimmerhärchen (PCD), die zu bleibenden Schäden der Bronchien führt. Im Klinikum Nürnberg verfügen wir über ein spezielles Zilienmikroskop, mit dem Fachkräfte die Schlagfrequenz und Beweglichkeit der Flimmerhärchen, der Zilien, direkt vor Ort beurteilen können. Zudem ermöglicht die Bestimmung von Antikörpern gegen rekombinante Allergene eine präzisere Einschätzung des Allergierisikos. Ein weiterer Fortschritt: In der Asthmatherapie sorgen moderne Biologicals wie Omalizumab für spürbare Verbesserungen. Sie fangen das IgE ab und die Allergie ist „verschwunden“.

Was wird sich verändern in den nächsten Jahren, und welche Rolle werden Digitalisierung, Telemedizin oder KI in den nächsten Jahren spielen? 
Ich glaube, dass vor allem die genetische Identifizierung der unterschiedlichen Asthmatypen wichtig ist, denn wir wissen, dass es Kinder mit starken Asthmasymptomen gibt, die als Erwachsene ohne Therapie beschwerdefrei sind, aber auch Kinder, die nach scheinbar mildem Verlauf später einen schweren Lungenschaden aufweisen. Ziel wird sein, die „richtigen“ Kinder herauszufiltern und intensiver zu behandeln. Telemedizin kann helfen, bei gestellter Diagnose und fraglicher Verschlechterung frühzeitig die Behandlung zu intensivieren und dadurch Atemnot und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das schwächste Glied beim Nutzen von digitalen Gesundheitsangeboten wie KI oder der Telemedizin zum einen der Benutzer und zum anderen der Programmierer ist. Wenn die eingegebenen Beschwerden aus Unwissen oder falscher Motivation übertrieben oder verharmlost werden, kann keine digitale Technik die Unterstützung liefern, die wir uns von ihr erhoffen.

Interview: Simone Blaß

Atemwegserkrankungen - so vermeidet ihr eine Ansteckung
• nicht sich selbst ins Gesicht greifen, denn dabei gelangen Erreger in die Schleimhäute
• Hygiene im Alltag: gründliches Händewaschen 
• Handtücher häufig wechseln, nicht mit anderen teilen oder Papiertücher verwenden
• rücksichtsvoll in die Armbeuge niesen und husten, und Abstand halten
• Papiertaschentücher nur einmal verwenden und sofort entsorgen
• während einer Grippe- oder Erkältungswelle auf Händeschütteln verzichten
• jährliche Grippeschutzimpfungen gegen Influenza-Viren möglich
• Kranke und Menschenansammlungen meiden

Kinderklinik am Klinikum Nürnberg

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