Wer im Spiel verliert, gewinnt fürs Leben

So lernen Kinder Resilienz, Kreativität und Medienkompetenz
Kinderspiele

„Oh Mann, schon wieder verloren!“ Tränen in den Augen und Spielfiguren, die mit viel Schwung über den Tisch sausen. Das Verlieren wirkt im Moment wie ein kleiner Weltuntergang – und ist doch in Wahrheit ein Gewinn fürs Leben. Denn Spielen ist für Kinder keine bloße Freizeitbeschäftigung, es ist harte Arbeit. Runde für Runde lernen sie, Züge zu wagen, Niederlagen auszuhalten und Siege zu genießen. So spielerisch es aussieht, so ernst ist der Prozess. Es ist Lebensschule im Miniaturformat.

Resilienz durch Spielerfahrung

Manche Kinder stecken eine Niederlage leichter weg als andere. Das liegt am Temperament. Aber nicht nur. Es liegt auch an der Übung. Verlieren ist nämlich nichts, was man „einfach kann“, man muss es lernen. Wer oft spielt, erfährt, dass es auch nach einer verlorenen Partie weitergeht, dass die Karten dann sozusagen neu gemischt werden. Psychologen nennen diese Fähigkeit Resilienz. Die Kunst, auch nach Rückschlägen wieder ins Spiel zu kommen. Ein „Mensch ärgere dich nicht“ ist durchaus nicht unwichtig in einer Welt, in der nicht jede Prüfung gelingt, nicht jede Bewerbung zum Erfolg führt und nun mal auch leider nicht jeder Traum in Erfüllung geht. 

Kinder gewinnen lassen?

Erwachsene können, ja sollten diese Lektionen begleiten. Natürlich ist es verlockend, beim Brettspiel nachzuhelfen, damit das Kind gewinnt und strahlt. Nur nimmt man ihm damit eine wichtige Chance. Die Chance zu lernen, dass das Verlieren Teil des Lebens ist. Was Kinder hier stark macht, ist der Umgang der Großen mit der Situation. Trösten, ernst nehmen, nicht bagatellisieren, und dann: nochmal versuchen, weitermachen! So lernt das Kind nicht nur, seine Gefühle zu regulieren, sondern versteht auch, dass Enttäuschungen ganz normal sind und nicht gleich das Ende bedeuten. Studien zeigen, dass Spielräume Kindern helfen können, Krisen zu bewältigen und innere Stärke aufzubauen, dass das freie Spiel ein wichtiger Schlüssel für Kreativität und Selbstvertrauen ist. 

Bedeutung von Rollenspielen

Rollenspiele etwa sind so etwas wie spielerische Proberunden fürs Leben. Die Kinder arbeiten sozusagen, wenn sie spielen. Macht man sich das bewusst, wird einem auch klar, warum sie dabei nicht unnötig gestört werden sollten. Denn wer Kinder aus einem vertieften Spiel reißt, nimmt ihnen mehr als nur die Figur vom Feld, er raubt ihnen die Chance, ihre Aufgabe zu Ende zu führen. 

Ditigales Spielen für Strategen

Neben Brettspielen und Karten spielen – längst nicht gerade zur Freude aller – auch die digitalen Spiele eine immer wichtigere Rolle. Doch diese Spielwelten sind deutlich mehr als unsinniger Zeitvertreib. Sie fördern Teamfähigkeit, strategisches Denken, zum Teil auch die Reaktionsfähigkeit, und bei Jugendlichen kaum zu überhören, schult so manches „Game over“ auch die Frustrationstoleranz. Und lassen sich die Großen darauf ein, dann erreichen die Kleinen schnell das, was man „Medienkompetenz“ nennt. Eine Fähigkeit also, die sie später tagtäglich brauchen werden. Wenn es ums Spielen geht, haben Großeltern hier übrigens einen großen Vorteil. Sie haben mehr Zeit, kennen alte Spiele, die fast vergessen sind, und sind heutzutage oft noch so junggeblieben und neugierig, dass sie die optimale Brücke schlagen können zwischen „damals“ und „heute“.  
 

Wir alle brauchen Niederlagen, um Siege wertzuschätzen, und Siege, um Niederlagen besser zu ertragen. Und wer sich die Zeit nimmt, mit Kindern zu spielen, gewinnt vor allem Nähe, Vertrauen und gemeinsame Erinnerungen. Denn schließlich geht es letztendlich doch immer nur darum, im Spiel zu bleiben.

Text: Simone Blaß

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