Spielend groß werden
Das Spiel eindeutig zu definieren, kommt der Quadratur des Kreises ziemlich nahe. Zu unterschiedlich sind die Spielformen. Aber sie alle müssen doch etwas gemeinsam haben? Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss: Dr. Volker Mehringer von der Universität Augsburg. Der zweifache Vater ist Spieleforscher und hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Und uns erklärt, dass ein Spiel meist intrinsisch motiviert ist, das heißt, wir tun es rein um des Spielens willen.
Wie viel Angebot an Spielzeug braucht es wirklich für eine gesunde Entwicklung?
Lange Zeit war professionell hergestelltes Spielzeug Luxus. Kinder spielten mit selbstgebastelten Dingen oder einfachen Alltagsmaterialien. Einer der ältesten Bälle wurde zum Beispiel aus Leinenlumpen geformt und mit einer Kordel zusammengebunden. Wir können daraus folgern, dass es nicht zwingend Spielwaren braucht, und schon gar nicht viele.
Was lernen Kinder beim Spielen?
Spielen ist auch eine ernste Tätigkeit. Dabei laufen viele wichtige Lern- und Entwicklungsprozesse ab, auch wenn man das von außen oft nicht sieht. Kinder lernen dabei enorm viel und entwickeln sich weiter. Für mich als Pädagoge ist das großartig, weil es ein Lernen ist, das sich gar nicht nach Lernen anfühlt. Kinder durchlaufen eine Spielentwicklung und lernen, immer komplexer zu spielen. Dadurch erweitern sich die Spielmöglichkeiten, bis am Ende viele unterschiedliche Spielformen miteinander kombiniert werden können. Auch im Erwachsenenalter sind Spielen und Lernen weiterhin eng verbunden.
Wie wichtig ist gemeinsames Spiel?
Das gemeinsame Spielen ist genauso wichtig wie das selbstständige. Kinder lernen hier beispielsweise, Frust zu verkraften und sich über Erfolge zu freuen. Auch für Eltern ist das gemeinsame Spielen wertvoll, es hilft dabei, sich gegenseitig besser zu verstehen, denn wir bringen viel von unserer Persönlichkeit ein, wenn wir spielen.
Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer – heute wirken solche Spiele oft gewalttätig. Wie sehen Sie das, zum Beispiel bei Spielzeugpistolen?
Schon in den 1970er-Jahren wurde diskutiert, wie sich Spiele mit Spielzeugsoldaten auf Kinder auswirken und ob man sie verbieten sollte. Spiele mit Waffen wirken oft martialisch, dahinter stecken aber häufig interessante Spiellogiken. Da geht es teils um Geschicklichkeit, um Regeln und um Teamarbeit. Kein Kind wird dadurch automatisch gewalttätig. Gleichzeitig ist die Wahl des Spielzeugs auch eine Erziehungsfrage. Eltern sollten ihre Grenzen erklären, damit die Kinder verstehen, welche Bedenken bestehen und was das Spielzeug repräsentiert.
Wie wichtig ist es, dass Kinder Raum zum freien, unbeaufsichtigten Spielen haben?
Dass Kinder heute oft weniger frei spielen als früher, dafür gibt es viele Gründe: Sicherheitsdenken, häufige Medienberichte über Gefahren für Kinder, das Gefühl, Kinder mehr unterstützen und fördern zu müssen, früher Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck. Dabei ist freies Spiel enorm wichtig. Um selbstverantwortliche und unabhängige Menschen zu werden, brauchen Kinder Freiraum, um sich auszuprobieren, Konflikte auszutragen, Verantwortung für andere zu übernehmen und auch mal Fehler zu machen. Denn daraus lernen wir.
Wie sehen Sie digitales Spielen?
Das digitale Spielen ist so vielfältig wie das traditionelle. Ein Problem dabei ist, dass viele Eltern diese Spielform nicht aus ihrer Jugend kennen und dadurch nicht wissen, wie sie sie einordnen sollen. Jüngere Elterngenerationen, die selbst mit digitalen Spielen aufgewachsen sind, haben meist ein anderes Verhältnis dazu, nicht unkritisch, aber differenzierter.
Viele Eltern befürchten, das „Zocken“ könnte Jugendliche aggressiv machen?
Diese Befürchtungen sind in den meisten Fällen unbegründet. Digitale Spiele können helfen, in den Flow zu kommen, konzentriert und fokussiert zu sein, kurzzeitig alles andere zu vergessen. Das wird oft schnell als Suchtverdacht gesehen, ist aber zunächst eine positive Erfahrung. Man kann abschalten und den Kopf freibekommen. Spielen, auch digital, kann dabei helfen, Emotionen zu regulieren, und fördert zum Beispiel Sprach- und Reaktionsfähigkeit, aber auch Teamwork. Eltern sollten digitale Spiele ausprobieren, sie sich erklären lassen und im Dialog bleiben. Einfach den Stecker zu ziehen, ist keine Lösung, sondern verursacht meist nur Frust.
Welchen Tipp geben Sie Eltern?
Spielen lassen und selbst spielen.
Interview: Simone Blaß