Alles nur ein schlechter Scherz?

Protokoll einer Schwangerschaft
Regretting Motherhood

Als Vanessa von ihrer Schwangerschaft erfährt, beginnt für die 35-jährige Wirtschaftspsychologin ein langer Weg. Doch statt wie erwartet ist der nicht voller Vorfreude und rosa Babywolken, sondern gespickt mit Selbstzweifeln, Angst und einer großen Leere.

„Schwanger! Meine Reaktion waren keine hysterischen Tränen des Glücks, wie man es ja laut Insta heute so erleben müsste. Aber auch keine wirkliche Verzweiflung. Da war einfach ein undefinierbares Nichts, gefolgt von einem „Und nun?“. Als wäre da gerade nichts Spektakuläres passiert, ging ich wieder zum Alltag über und sagte niemandem ein Wort. Nein, auch nicht meinem Mann, denn ich hatte keine Ahnung, wie. Ich dachte an hochemotionale Heuleskapaden und Konfettikanonen in den Sozialen Medien und fragte mich: Wieso fühle ich mich nicht so? Bin ich irgendwie verkehrt? Eine Woche hielt das an, dann sagte ich fast beiläufig, kühl und sachlich: „Ich bin schwanger.“
 

Ab diesem Moment wurde alles rosarot? Von wegen. Statt glückseliger Vorfreude auf das heranwachsende Leben fühlte ich lediglich einen gesellschaftlichen Abstieg über mich hinwegfegen: Gerade noch eine emanzipierte Frau, und plötzlich ein Leben auf dem Sofa oder vor dem Klo, zu dem mich eine sieben Monate anhaltende Übelkeit zwang und mir etwas bescherte, von dem viele träumen, was für mich aber ein Alptraum war: Beschäftigungsverbot. Mein Job, der mir seit 20 Jahren zuverlässig Alltagsstruktur, Bestätigung und persönliche Erfolge einbrachte – einfach weg, und stattdessen soziale Isolation in unserem Haus auf dem Hersbrucker Land, mit dem wir uns eigentlich einen Lebenstraum erfüllt hatten. Da saß ich nun mit meiner neuen, irgendwie sinn- und wertlosen Existenz vor unserem nagelneuen Klo und fragte mich, ob das alles ein schlechter Scherz sei. 
 

Während andere bereits über Stilleinlagen und das richtige Öl zur Dammmassage philosophierten und auf der rosaroten Babywolke schwebten, war in mir immer noch diese Leere und so gar kein Interesse, in diese Welt überhaupt nur einen kleinen Zeh zu setzen. Ich verstand nicht: Wie könnt ihr etwas feiern, das man weder sieht noch spürt? Wie macht ihr das alle? Oder seid ihr einfach nicht ehrlich in eurer Kommunikation? 
Immerhin: Während mein Umfeld mich in meiner mangelnden Begeisterung vorwurfsvoll beobachtete und mir mitteilte, dass ich gewisse Dinge so doch nicht sagen könnte, strich mein Mann mir tapfer beim Kotzen über den Rücken, nahm meine Ratlosigkeit und Selbstzweifel wertschätzend wahr und begleitete mich mit seiner Geduld und Liebe, als wären meine Gedanken und Gefühle das Normalste der Welt. Mit fortschreitender Schwangerschaft marterten mich Selbstzweifel. Kann ich mein Kind eigentlich lieben und kann ich so überhaupt eine gute Mama sein? Ich fühlte mich dem kleinen Wesen in meinem Bauch gegenüber schuldig, weil ich mir jetzt schon mein altes Leben mit der Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich wollte, mich ganz nach meinem Gusto persönlich und beruflich zu entwickeln, wie es mir passte, zurücksehnte. War es die richtige Entscheidung, all meine Zweifel eines Kinderwunsches über Bord zu werfen, nur weil mein Mann sich so sehnlich ein Kind gewünscht hat? Oder waren es lediglich die vielen Bilder der Menschen um mich herum, die mich so verunsicherten? Gesellschaft, die einzig das große Glück der Schwanger- und Elternschaft transportiert und akzeptiert?
 

Vor kurzem sagte mein Mann zu mir, dass es schon gut ist, dass so eine Schwangerschaft so lange dauert, weil abgesehen davon, dass da ein neues Leben entsteht, auch wir uns in unserer Rolle völlig neu definieren und finden müssen, und so etwas halt nicht von heute auf morgen klappen kann. Ich weiß heute (29. Schwangerschaftswoche) noch nicht, wie es sein wird als Mama, ob ich meine persönlichen Bedürfnisse nicht aus dem Blick verliere, ob ich doch noch zur helikopternden Supermutti werde oder sich vielleicht doch alles ganz gut unter einen Hut bringen lässt. Was ich heute, nach all den Monaten des Haderns und Zweifelns, weiß, ist, dass all diese Gedanken und Gefühle völlig okay sind und mir dabei helfen, bald in ein viel größeres Abenteuer zu starten, als es jedes Studium, jeder Job oder jede Beziehung in meinem Leben je waren. Und auch, wenn mein Mann mir heute noch mit einem Schmunzeln im Gesicht nachträgt, dass er erst nach einer Woche davon erfahren hat, dass er Papa wird, kommen wir dem Elterndasein jeden Tag gemeinsam ein Stück näher und freuen uns darauf, bald zu dritt jede Menge Schabernack zu treiben.“

Protokoll: Katharina Wasmeier 

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