Ihhh – da krabbelt was!

Die Angst vor Spinnen und Insekten
Spinnen iund Kinder

In unseren Gefilden gibt es keine giftigen Tiere – zumindest sind sie nicht so giftig, dass wir um unser Leben fürchten müssten. Warum also haben allein in Deutschland fünf Prozent der Bevölkerung eine solche Angst vor Spinnen, dass diese behandelt werden muss?

genetische Insektenangst

Ein möglicher Grund ist eine genetische Vererbung. Das Neandertalerbaby lebte tatsächlich in einer Umwelt, in der es durchaus im Bereich des Möglichen war, dass ein Insekt die Kindheit schon auslöschte, bevor sie überhaupt erst richtig begann. Evolutionsbiologen sagen also: Ganz klar, das steckt ziemlich tief in unserem Erbgut. Gestützt wird diese These von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts in Leipzig. Hier hat man nämlich festgestellt, dass bereits nur wenige Monate alte Babys gestresst reagieren, wenn sie eine Spinne oder eine Schlange sehen – und zwar lange, bevor ihnen jemand diese Reaktion beigebracht haben könnte.

Warum aber reagieren Kinder dann nicht auf Bilder von Nashörnern oder Kugelfischen? Wo die uns doch auch ziemlich gefährlich werden könnten? Das ist so ähnlich wie mit dem Respekt vor der Steckdose – manches existiert einfach noch nicht lange genug in unserer Umwelt, um schon verankert zu sein. Und muss erst erlernt werden. Gliederfüßer wie Insekten, Spinnen oder Krebstiere gibt es seit 400 Millionen Jahren auf der Erde. Die Wissenschaftler gehen also davon aus, dass unsere angeborene Angst daran liegt, dass wir uns die Welt mit den Insekten schon deutlich länger teilen als mit so manchen anderen Tieren und erst recht mit der Steckdose. Da kann sich schon mal was festsetzen in unserem Zellgedächtnis. Ganz egal, wie hoch die (Un-)Wahrscheinlichkeit in unseren Gefilden heute ist, auf ein höchst giftiges Insekt zu stoßen.

Eltern geben Ängste weiter

Festgestellt haben die Wissenschaftler den Stress der Kinder über ihre Pupillen, die sich beim Anblick von Spinnentieren zum Beispiel deutlich weiteten und somit anzeigten, dass ein Stressareal im Gehirn aktiviert wurde. Was sich natürlich verstärkt, wenn die Mami wild nach dem Papa schreiend auf einen Hocker springt, sobald sie eine kleine Spinne im Raum entdeckt. Oder der Opa hektisch nach jeder Wespe schlägt, die sich seinem Kuchen nähert. Doch selbst, wenn die Familie immer relaxt bleibt, kann ein Kind eine ziemliche Insektenangst entwickeln. „Jedes Kind macht seine Erfahrungen auch außerhalb des Elternhauses, bei Freunden oder im Kindergarten.“

Einer der Behandlungsschwerpunkte des Therapeuten Ralf Baumhöfer aus Roth sind Angst- und Panikstörungen. „Nicht jede Angst muss gleich behandelt werden, viele Ängste – gerade im Kindesalter – vergehen wieder, wenn man sie ernst nimmt, aber nicht überbewertet. Aber selbstverständlich kann auch ein Kind eine pathologische Angst mit allen körperlichen Begleitsymptomen wie Herzrasen und Schweißausbrüche entwickeln. Je früher man dann eingreift, desto besser ist es.“ Nicht immer, aber manchmal ist eine übertriebene Angst ein Hinweis darauf, dass etwas anderes nicht stimmt. Das muss nicht gleich bedeuten, dass das Kind traumatische Erfahrungen gemacht hat, es kann tatsächlich auch sein, dass es überbehütet ist. „Sind die Kernbedürfnisse allerdings in einem gesunden Maß erfüllt, entwickeln sich Resilienz und Stabilität, und die Wahrscheinlichkeit, dass Phobien auftreten, ist deutlich geringer.“ Wird die Angst allerdings doch behandlungsbedürftig, dann erklären Therapeuten wie Ralf Baumhöfer altersgerecht, was Ängste sind, wie sie entstehen und was sie im Körper auslösen. „Ich zeige aber auch, wofür Insekten gut sind und was sie anrichten können: nämlich gar nichts. Und dann kommt die Konfrontation mit der Angst. Wir fangen klein an – zum Beispiel mit Bildern – und hören groß auf. Das kann auch mal eine Spinne auf der Hand sein. So lernt das Gehirn, die Angst zu besiegen.“

Die Angst bekämpfen

Schon von Anfang an können Eltern der angeborenen Angst etwas entgegensetzen. Zum Beispiel mit Bilderbüchern, mit Becherlupen-Ausflügen in die Natur oder mit einem Spaziergang durch den Zoo, in dem es in der Regel auch immer ein Areal gibt, in dem die Vielfältigkeit und Nützlichkeit von Insekten anschaulich erklärt wird. Und wenn man sich selbst zu sehr ekelt, dann kann das auch der Patenonkel oder eine Freundin übernehmen. Manchmal hilft es aber auch schon, sich bewusst zu machen, dass wir Menschen den kleinen Krabblern gegenüber oft ziemlich unfair sind. Immerhin räumen Insekten unsere Umwelt auf,  kompostieren Bioabfälle, fressen lästige Schnaken, beseitigen Aas, bestäuben unsere Blüten – das machen übrigens nicht nur die Bienen – und sind wahre Meister darin, sich an Lebensräume anzupassen. Und um ehrlich zu sein, ist es auch nicht ausgeschlossen, dass sie uns eines Tages vor dem klimabedingten Hungertod retten werden. Der erste Schritt in diese Richtung ist auch bei uns schon getan: Schließlich hat die EU Mehlwürmer bereits als Lebensmittel zugelassen. Da wäre es doch kontraproduktiv, wenn zukünftige Generationen vor lauter Panik keinen Bissen runterbekommen.

Text: Simone Blaß, ELMA #16 Juni/Juli 2022

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