Das Still Face Paradigma

Smartphone aus – Baby an(schauen)!
Smartphone aus - Baby anschauen!

Das Experiment: Babys wurden gemütlich in eine Babywippe gesetzt. Ihre Mutter sass ihnen gegenüber, lächelte liebevoll und beide plauderten fröhlich miteinander. Doch plötzlich setzte die Mutter ein ausdrucksloses Pokerface auf und starrte für drei - gefühlt undenlich lange - Minuten vor sich hin. Wie reagierten die Kinder auf einen solchen Kontaktabbruch?

Bereits Ende der 1970er Jahre wollte Edward Tronick anhand der Reaktionen der Babys Unterschiede in deren Temperament herausfinden. Denn nicht alle Kinder reagieren auf solch einen „stillgelegten“ Kontakt gleich: Während manche Babys eine ganze Weile freundlich weiterplappern und so aktiv versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Bezugsperson zurückzugewinnen, sind andere deutlich schneller verängstigt, weinen lautstark oder wenden sich traurig ab. Außerdem interessierte sich der US-amerikanische Psychologe dafür, wie gut es den Müttern gelang, ihre Kinder nach Ablauf der drei Minuten zu beruhigen, was er als Indiz für eine sichere Mutter-Kind-Bindung wertete.

Still Face Paradigma durch Smartphones

Zwischenzeitlich wurde das sogenannte Still Face Paradigma immens kritisiert. Eltern und Kindern einer solchen Situation auszusetzen, sei schlichtweg moralisch kaum vertretbar. Seit ein paar Jahren rückt Tronicks Studie jedoch wieder zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit, denn sie ist aktueller denn je … (Pling! Warte kurz! Ich muss nur schnell diese WhatsApp beantworten … *weinendes Baby* Sekunde! Ah, noch ’ne Nachricht aus dem Pekip-Kurs. Ähm, ja, wie ist denn überhaupt das Wetter? … Gleich, gleich … So, Maus, da bin ich wieder.) Wir haben es fast geahnt: Für Babys kann ein vertiefter Blick ins Smartphone ebenso irritierend wirken wie das versteinerte Gesicht im Still Face Paradigma.

Sichere Bindung durch Interaktion

Kinder erwarten unmittelbare Reaktionen ihres Umfelds. Um eine sichere Bindung aufzubauen, brauchen Babys und Kleinkinder Interaktionspartner, die ihnen zugewandt sind und direkt statt zeitlich verzögert auf ihre Kontaktversuche reagieren. Kindergartenkinder lassen sich zwar ab und an mit einem „Warte, ich tippe kurz fertig und komme gleich“ vertrösten, dennoch brauchen auch sie einen präsenten Blick, der Interesse signalisiert. Denn Kinder nutzen die Mimik und Gestik ihrer Eltern auch als soziale Referenz. Das heißt, Kinder erkennen dank Mamas oder Papas Blick, ob diese d’accord sind, wenn sie mit dem Kopf voraus rutschen oder mutig eine fremde Katze streicheln wollen. Und auch wir haben sicherlich schon erlebt, wie es sich anfühlt, wenn wir einer Freundin vom letzten Gespräch mit dem Chef berichten, diese mit „Super!“ aber eigentlich die Insta-Story irgendeines Influencers meint.

Der richtige Zeitpunkt

Dennoch müssen wir unseren smarten Begleiter nicht ab Geburt des Nachwuchses in die Tonne werfen. Selbstverständlich dürfen wir uns weiterhin gelegentlich mit Handy in der Hand eine Auszeit gönnen. Die Dosis macht das Gift. Bedenke: Im Durchschnitt schauen wir täglich 55-mal auf unser Handy. Kaum eine der Mütter der Originalstudie hätte hingegen freiwillig auch nur ein zweites Mal an der Studie teilgenommen. Entscheidender als das „wie oft“ scheint aber das „wann“. Natürlich können wir uns kurz im World Wide Web berieseln lassen oder aufmunternde Worte in Mama-Communitys hin- und herschicken, während die Zweijährige friedlich im Sand buddelt. Ebenso können wir bedenkenlos drauflos daddeln, wenn das Baby während des anfänglichen Dauerstillens eingeschlummert ist.

Angemessener Konsum

Vielleicht fühlen wir uns heute dank diverser Messenger im Wochenbett mitunter weniger isoliert als noch vor zehn Jahren. Wir sollten nur darauf achten, aus unserer virtuellen Bubble aufzutauchen, sobald unser Säugling uns wieder mit großen Kulleraugen ansieht oder das Kleinkind unsere Aufmerksamkeit dringender benötigt als ein Like von dessen Hochglanzabbild in den sozialen Medien. Nicht zuletzt sind wir die besten Vorbilder für unsere eines Tages selbst still faced Smombie-Kinder, wenn wir es schaffen, einen angemessenen Smartphone-Konsum vorzuleben und uns echter sozialer Kontakte zuliebe vom Bildschirm zu lösen.

Text: Elisabeth Rose

„Kinder denken einfach anders“ – was wir schon lang geahnt haben, ist dank Elisabeth Rose jetzt Gewissheit. Spannende Themen der Entwicklung behandelt die Kinder- und Jugendpsychologin in ihrem Buch. Und in unserer ELMA.

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